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PRESSESTIMMEN MALER ZINNOBER IN DER GRAUEN STADT

01 BERLINER ZEITUNG, SEPT. 2016 von Christian Rakow

Die Bühne 3 im Hinterhof ist ein kleines Prunkstück der Parkaue. Ein funktionaler Bau, hoch aufragend, mit Platz für Requisiten und Materialien. Endlich alles vor Ort. Und auf der Bühne gibt's genug Raum für Experimentalkunst, die das Theater an der Parkaue seinem jungen Publikum programmatisch nahebringt. Die Sanierung der übrigen Spielstätten des Hauses sorgt derweil für größere Unsicherheit. Sie zieht sich. Und wie es nach dem Sommer 2017 ausschaut, wenn der Vertrag mit der Ausweichspielstätte im Prater in der Kastanienallee ausläuft, stehe in den Sternen, erzählt Parkaue-Intendant Kay Wuschek.

Umso zuversichtlicher zeigt sich das Haus in der Kunst. Mit "Zinnober in der grauen Stadt" (ab vier Jahren) hat man passend zu den Umbaumaßnahmen eine Stadt-Renovierungsparabel für die Saisoneröffnung angesetzt. Herr Zinnober ist Malermeister und hat ein Faible für leuchtend bunte Farben. Leider sucht seine Kundschaft nur Grautöne, am liebsten "mausgrau", damit die Häuser nicht auffallen. Als Zinnober aber an zwei Kinder gerät, die mit bunter Kreide malen, verändert sich sein Leben. Gemeinsam verpassen sie der Stadt einen frischen Anstrich, auf ihrem Feldzug als Lebensfreude- Guerilla.

Pünktlich zur Berlin-Wahl feiern die Multimedia-Puppenspieler von United Puppets mit der Geschichte von Herrn Zinnober nach dem Kinderbuch von Margret Rettich die "bunte Stadt". Im Geiste des Bürgerbegehrens flackern Bilder vom Flugfeld in Tempelhof über die Leinwand. "Sie begannen, die Stadt so zu verändern, wie sie es wollten", heißt es anspielungsreich. Es ist ein Märchen für Leute, die lieber ein Graffiti zu viel an der Häuserwand sehen, als eine durch und durch gentrifizierte Stadt.

United Puppets um den Regisseur Mario Hohmann haben mit ihrem Glühbirnen-Puppenmärchen "Rotkäppchen" und der Leuchtstoff-Gute-Nachtgeschichte "Lichterloh" zwei der schönsten Parkaue-Arbeiten der letzten Jahre geschaffen. Auch mit dem Malermeister "Zinnober" entführen sie die Kinder in ihre verblüffend zaubertricktechnisch anmutenden Technik-Welten. Während sie die Erzählung in ruhigem Vortrag ins Publikum sprechen, zeichnen die beiden Spieler Melanie Sowa und Philipp Michael Börner abwechselnd live Bilder und Illustrationen via Touchpad. Stadtlandschaften erscheinen auf der Leinwand, später wird mit klassischer Tusche drübergemalt. Szenenapplaus brandet auf, als in Sekundenschnelle ein reitender Cowboy auf einem Dinosaurier skizziert wird. Auch die Sounds werden just vor Ort gebastelt.

United Puppets liefern feinste Selfmade-Handwerkskunst fürs Digitalzeitalter. Als am Schluss die Kieze endlich aufgehübscht sind, sagt Herr Zinnober mit utopischem Gestus: "In dieser Stadt macht es Spaß, Maler zu sein."


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